![]() | TAZ-Blog von Dilek Zaptçıoğlu: Istanbulblog vom 30.04.2007: Der Tag danach, Schlagzeilen Notizen vom Tag danach: * Die Presse ist baff, konnte doch keiner dieser hocbezahlten Kolumnisten annähernd ahnen, wieviele Menschen nach Ankara jetzt auch in Istanbul auf die Straße gehen. In diesem Kontext eine kleine Bemerkung: In der Türkei heißen Kolumnisten “Journalisten” und als Reporter, also eigentliche Journalisten, beschäftigt man junge, miserabel bezahlte Jungs & Mädchen. Unter den politischen Kolumnisten sind nur ein paar Frauen. Die Frauen, die eine “Ecke” haben dürfen, schreiben meistens Lifestyle, Klatsch & Tratsch usw.[....] Mehr…» |
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Der Tag danach, Schlagzeilen Notizen vom Tag danach: Die Presse ist baff, konnte doch keiner dieser hocbezahlten Kolumnisten annähernd ahnen, wieviele Menschen nach Ankara jetzt auch in Istanbul auf die Straße gehen. In diesem Kontext eine kleine Bemerkung: In der Türkei heißen Kolumnisten “Journalisten” und als Reporter, also eigentliche Journalisten, beschäftigt man junge, miserabel bezahlte Jungs & Mädchen. Unter den politischen Kolumnisten sind nur ein paar Frauen. Die Frauen, die eine “Ecke” haben dürfen, schreiben meistens Lifestyle, Klatsch & Tratsch usw. ![]() Ich sah den “Liberalen” Kürsat Bumin im Fernseher reden und plötzlich machte es “Klick” in meinem Kopf: Schalte ab, sagte eine Stimme völlig überdrüssig. Ich habe keine Lust mehr den Herren zuzuhören, denen ich seit ca 15 Jahren zugehört habe. Denn sie haben seit 15 Jahren ein großes Forum im TV und in den Zeitungen und stilisieren sich immer noch als Opferlämmer und Oberlehrer der Nation, die sie mal glorifizieren mal kleinreden. Ich mag das jedenfalls nicht mehr ertragen, daß sie über die wahren Probleme (Wirtschaft vor allem, und unübersehbare “Nahöstisierung” der Türkei) kein Wort verlieren und statt dessen immer und immer wieder nur über “Zivilgesellschaft”, “mehr Platz im öffentlichen Raum für Religion” und “Happy Globalisierung” reden - ohne einen einzigen Widerspruch und Kritik zu dulden und dies als “versteinerten Kemalismus” bezeichnen. Sie checken nicht, daß die Zeiten sich PERMANENT ändern und daß heute alles anders ist als in den 1930er Jahren. Daß politische Kämpfe nunmehr mit Werbemethoden geführt werden müssen, weil wir in dem Zeitalter der e-Putsche sind. Diese altlinken, neoliberalen Herren haben selbst nur antiquirte Vorstellungen von Politik und Geschichte. Wenn Hunderttausende JUNGER Istanbuler auf die Straße gehen, dann ist da ein Anlaß zum Umdenken. Dazu kann ich nur noch sagen: Bitte nicht so narzistisch sein und abtreten. ![]() So interviewte die Wirtschaftsfrau in Habertürk heute einen Ökonomen, der die wahren Probleme der Wirtschaft unverblümt ansprach: Stagnation, keine nennenswerte Produktion, Niedergang der Textilindustrie und Agrarproduktion, keine nationale Politik in der Wirtschaft, kopflose “Globalisierung” mit boomender Börse und steigernder Arbeitslosigkeit (und Kriminalität). Er sagte: “Wenn das so weiter geht, haben wir in der Türkei 3 Millionen Menschen, denen es super geht, und 70 Millionen bringen sich auf den Straßen gegenseitig um.” Antwort der Redakteurin: “Sind Sie ETWA gegen die Globalisierung?” !! Wirtschaftsexperte: “Ich bin gegen die Globalisierung wie sie sich heute gestaltet. Man kann ja sonst nicht gegen Globalisierung sein, denn sie ist eine Tatsache.” ![]() Schlagzeilen türkischer Zeitungen von heute: (vorneweg eine Meldung, die heiter stimmt: “Dogan-Aktien haben beim Börsensturz heute am meisten verloren”. Das kommt davon, wenn man den Journalismus zugunsten von Geschäften aufgibt. Die Demonstranten skandierten gestern: “Wer einen Tayyip kauft / kriegt Aydin Dogan umsonst dazu” (Bir Tayyip alana / Aydin Dogan bedava!” - Dogan ist der größte Medienzar der Türkei, der vorbehaltlos auf AKP-Kurs ging, nachdem die Regierung ihm eine hohe Rechnung für den Verkauf von Schmuggelöl an seinen Tankstellen präsentierte. Seine Zeitungen machen immer irgendwelche Promotionen: Wer eine Milliyet kauft, kriegt einen Topfset umsonst dazu..) Also die Schlagzeilen: Hürriyet (Dogan): Abermillionen Menschen / Hunderttausende von Fahnen: FRAUENREVOLUTION in Caglayan (Istanbul). Dazu schreibt Chefredakteur Ertugrul Özkök die Geschichte einer heute 34jährigen, die an der Demo teilnahm, zuvor aber ihre Stimme der AKP gegeben hatte. Sie ist eine Frau, die säkular aufwuchs, auf eine christliche Missionsschule ging (weil diese früher als die besten Schulen galten, wo man Fremdsprachen lernte), an ihrem Glauben festhielt und sich als Muslimin fühlte auch wenn sie nicht fünf mal am Tag betete; eine Frau, die sich mit der verhüllten Kommilitonin solidarisierte, als diese nicht in den Hörsaal gelassen wurde; die bei den Wahlen der AKP ihre Stimme gab, weil sie dachte, daß sie gute Arbeit machten. Özkök sagt, diese Frau sei gestern auf der Demo in Istanbul gewesen, wegen: der Angst, daß diese “Gesinnung” die Türkei umzingeln, ihr Image und Aussehen verändern und den Staat in Beschlag nehmen könnte; daß die Männer von unverhüllten Frauen im Staat nicht mehr Karriere machen können; daß sie ihren Kopf verhüllen müssen, wenn ihre Männer sich an öffentlichen Ausschreibungen beteiligen oder in der Wirschaft irgendwie auf den Staat angewiesen sind… Özkök schreibt: In der Türkei fände eine REVOLUTION DER FRAUEN statt. Diese würde sich bestimmt auch auf den IRAN ausweiten, wo Frauen wieder mi strengeren Auflagen konfrontiert werden. Schlagzeilen andrer Zeitungen: Radikal (auch Dogan, linksliberal): FRAUENPOWER (Kadinlarin Gücü) Milliyet (auch Dogan, liberal): WIE EIN WASSERFALL (Wortspiel mit “Caglayan”, dem Namen des Demo-Platzes, der Wasserfall bedeutet) Cumhuriyet (unabhängig, kemalistisch): DIE GRÖSSTE WARNUNG (En büyük uyari) AKSAM (Cukurova-Holding, liberal): WEDER PUTSCH NOCH SCHARIA, DEMOKRATISCHE TÜRKEI (Ne Darbe Ne Seriat, Demokrat Türkiye) (c) TAZ-Blog von Dilek Zaptçıoğlu: Istanbulblog vom 30.04.2007: Der Tag danach, Schlagzeilen |
![]() | TAZ-Blog von Dilek Zaptçıoğlu: Istanbulblog vom 29.04.2007: Istanbul auf den Beinen! Das Volk marschiert gegen Fundamentalismus und eine Deutsche ist auch dabei “Herbei gekarrte Einheiten” nannte Ministerpräsident Tayyip Erdogan vor zwei Wochen die Hunderttausenden, die in Ankara gegen die Regierung auf die Straße gingen. Dort gab es auf der Bühne Reden, mit denen man sich nicht leicht identifizieren konnte. Diesmal solle es ganz anders kommen. Denn, und da bin ich Lokalpatriotin, das ist schließlich Istanbul. [....] Mehr…» |
![]() | TAZ-Blog von Dilek Zaptçıoğlu: Istanbulblog vom 27.04.2007: Die Armee stellt der AKP ein Ultimatum Die Armeeführung hat in der Türkei heute nacht, 23.30 Uhr örtliche Zeit, der Regierung ein Ultimatum gestellt. Sie ist mit dem Präsidentschaftskandidaten Abdullah Gül nicht einverstanden und droht, noch “offener und deutlicher” zu agieren. Ankara steht unter Schock und wird nicht mehr schlafen können. Der konservative Meinungsmacher Taha Akyol sagt gerade im Fernsehen, daß die Regierung jetzt die Spannung senken und die Präsidentschaftswahlen canceln, statt dessen Neuwahlen ausrufen sollte. [....] Mehr…» |
![]() | Info Radio - Dilek Zaptçıoğlu - Interview zum Tagesthema am 30.04.2007: Steht die Türkei vor einem Putsch? In der Türkei hat das Militär eine sehr starke Stellung - das ist jetzt mal wieder deutlich geworden. Die Armeeführung ist gegen eine Wahl des jetzigen Außenministers Gül zum Staatspräsidenten. Der Grund: Gül gehört zur islamistisch geprägten Regierungspartei AKP, die bereits den Ministerpräsidenten Erdogan stellt. Zu viel religiöser Einfluss in einem Land mit weltlicher Verfassung, fürchten die Generäle. Bisher gibt es nur eine Stellungnahme, aber das reicht schon, um die Türkei in eine Staatskrise zu stürzen. Dilek Zaptcioglu, Journalistin und Schriftstellerin, im Gespräch mit Max Oppel. [....] Mehr…» |
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