![]() | TAZ-Blog von Dilek Zaptçýoðlu: Istanbulblog vom 03.10.2006: FAQ Türkei: Wie steht´s mit dem Fundamentalismus? Gibt es in der Türkei, die Angela Merkel in wenigen Tagen besuchen wird, einen islamischen Fundamentalismus, und ist er eine Bedrohung für das Land? Die Antwort ist: Ja. Es gibt ihn, und ich halte ihn tatsächlich für eine Gefahr für die Entwicklung des Landes. Was ist die Lösung - ein Militärputsch etwa, um den Kurs zu korrigieren? Nein, denn einen Putsch kann und sollte niemand verteidigen.Weil die Türkei über ihre Gesellschaftsform streitet, gibt es [....] Mehr…» |
FAQ Türkei: Wie steht´s mit dem Fundamentalismus? Gibt es in der Türkei, die Angela Merkel in wenigen Tagen besuchen wird, einen islamischen Fundamentalismus, und ist er eine Bedrohung für das Land?
Die Antwort ist: Ja. Es gibt ihn, und ich halte ihn tatsächlich für eine Gefahr für die Entwicklung des Landes.
Was ist die Lösung - ein Militärputsch etwa, um den Kurs zu korrigieren?
Nein, denn einen Putsch kann und sollte niemand verteidigen.
Weil die Türkei über ihre Gesellschaftsform streitet, gibt es keinen solchen Überwachungsapparat wie den Verfassungsschutz. Das wäre ein Zeichen gewesen, daß die Demokratie in der Türkei etabliert und “wehrhaft” ist, und ihre eigenen, legalen Abwehrmechanismen im Konsens entwickelte. Es gibt jedoch keine zuverlässigen Berichte über die fundamentalistischen Entwicklungen oder darüber, was hinter verschlossenen Schul- oder Moscheentüren abläuft. Innerhalb des Staates kämpfen jetzt Kräfte gegeneinander und das zermürbt das Land, kostet Nerven und zerstört “die Einheit”, die dringend gebraucht wird, um die großen Anstrengungen auf dem Weg zu einer modernen Gesellschaft und einem Sozialstaat zu bewältigen - wo trotzdem jeder nach seiner Facon leben kann, aber nicht den Anspruch erheben darf, seine Weltsicht den Anderen aufzudrücken, sei es in Form eines Kopftuches.
Die “moderaten Islamisten” sind um die Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) des regierenden Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan versammelt.
Anfangs sympathisierten Großteile der städtischen Liberalen und Intellektuellen mit Erdogan und seiner AKP. Auch in Europa erntete er Beifall. Das hatte zwei Gründe: Das “Großkapital” hatte entdeckt, daß Erdogan seine Interessen nicht anfechten wollte - ansonsten wäre er nie an die Macht gekommen. Noch bevor er zum Regierungschef gekürt wurde, besuchte er Washington. Zweitens glaubten die türkischen Liberalen und Intellektuellen, und ihre europäischen Freunde vor allem bei den Grünen, daß der Kemalismus unbedingt abzuschaffen sei. “Der Feind meines Feindes” sollte unterstützt werden.
Als “den Bösen” machten sie Atatürk und seine heutigen Repräsentanten in Bürokratie und Militär aus. Sie sagten, der Kemalismus ist viel zu nationalistisch. Deshalb hatte er die kulturelle und ethnische Vielfalt als Erbe des Osmanischen Reiches unterdrückt, um daraus eine einheitliche türkische Nation zu schmieden. Dabei war die kurdische Frage entstanden, die die Kemalisten immer noch vergeblich mit Militärgewalt zu lösen versuchten. Das Ergebnis war die angebliche “kurdische Freiheitsbewegung, die Guerilla”, PKK. Der Kemalismus hatte eine offizielle Staatsdoktrin entwickelt und eine passende Geschichte verfaßt, die beide der Demokratisierung im Wege standen - das war in den letzten zehn Jahren in jedem europäischen Kommentar über die Türkei zu lesen. Die Türken hatten sich “unmündig” erwiesen und mit Hilfe der Europäer könnten sie auch laufen lernen. Schließlich hatte man selbst seine Dämonen auch ausgetrieben.
Der Kemalismus hatte, so glaubten die Optimisten in der EU, die Religion viel zu sehr unterdrückt. Für die Kemalisten mit ihrem out-of-date-Positivismus war Glauben etwas Verwerfliches, Primitives. Unser postmodernes Zeitalter sagte aber: Jeder nach seiner Facon. Wer konnte schon seine Lebensweise und Kultur für die beste deklarieren? Die 1990er läuteten die Ära des Kulturrelativismus ein, das mußten auch die “Betonkemalisten” begreifen.
Außerdem gab es jetzt die Europäische Gemeinschaft. Wenn die Türken “es schafften”, konnten sie auch dabei sein. Es gab kein besseres Instrument als die EU-Anwärterschaft der Türkei, um den Nationalisten, Konservativen und Religiösen daheim, in Deutschland und den anderen europäischen Ländern, zu kontern. Die belastete deutsche Identität mit der Identität des aufgeklärten, nicht an Christentum oder andere konservativ-geschichtliche Werte gebundenen europäischen Bürgers tauschen, war verlockend. Der Türck eignete sich ausgezeichnet für die Dekonstruktion des Old Europe. Niemand verteidigte die türkische EU-Mitgliedschaft so heftig wie die deutschen Grünen, keiner näherte sich aus dem kulturell entgegengesetztes Lager so sehr der islamischen AKP an - Joschka gab Tayyip die Hand, obwohl sie nicht hätten unterschiedlicher sein können!
Die AKP verstand ihre Chance sehr schnell. Die EU-Annäherung bedeutete ein mächtiges Bündnis gegen die Kemalisten und andere AKP-skeptischen Kräfte zuhause. Historisch einmalig günstig deckten sich die beidseitigen Interessen. Die EU wollte einen langen Annäherungsprozeß ohne feste Versprechungen, und die AKP wollte Zeit gewinnen. Um ihre Agenda umzusetzen: Die Türkei “reislamisieren”, oder wie ein enger Berater Erdogans einmal ganz offen sagte, “eine Türkei schaffen, die stärker an die islamischen Werte” gebunden lebt.
Was sind aber diese “islamischen Werte”? Kann man die globale Integration der Türkei überhaupt anhalten?
Schon vor 200 Jahren diskutierten die osmanischen Gelehrten: Sollen wir nur die Technik und materiellen Werte des Westens übernehmen, oder sind diese von der Kultur nicht zu trennen?
Die AKPler lehnen die “westliche Kultur” ab, obwohl diese eigentlich universell geworden ist, und zu der alle beitragen. Sie denken, daß sie Kinder erziehen können, die gut in Mathematik und Physik sind, an die Schöpfung glauben und in ihrer Freizeit Koranverse auswendig lernen. Ihre Kinder sollen nicht so leben wie die “Westler”. Mit ihrem eigenen “Menschenideal” wollen sie eine neue, islamisch korrekte Gesellschaft schaffen.
Der Islam predigt selbstverständlich kein schlechtes Menschenbild: Seit wann sind Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Anstand, Ehrlichkeit, Güte, Opferbereitschaft, Mitmenschlichkeit verpönt?
Nur: Sie müssen verinnerlicht sein und können nicht als Doktrin propagiert und den Individuen von Außen aufgedrückt werden. In einem laizistischen Staat sind, zumindest theoretisch, alle Glaubensbewegungen und Weltsichten gleichgestellt. Zweitens ist der Mensch fehlbar! Er ist gut und böse, ambivalent, widersprüchlich. Jedes strikte Menschenideal führte in der Geschichte zu totalitären Systemen. Denn irgendwann gibt es Wächter, die die Menschen durch Zwang an dieses Ideal “heranzuführen” versuchen. Jedes idealisierte Menschenbild verkennt die Realität und endet im Totalitarismus. Nichts anderes passierte im Iran.
Die AKP ist nicht “islamo-faschistisch” und besteht nicht aus gefährlichen hochintellektuellen Radikalen. Sie haben keine Visionen wie eine vielleicht wirklich islamisch-gerechte Gesellschaft mit der Umverteilung des Reichtums, grundlegenden wirtschaftlichen, sozialen Änderungen oder anderen internationale Allianzen aussehen könnte. Ihr Modell orientiert sich am Osmanischen Reich. Und am “islamisch korrekten Menschen”.
Das herrschende Element soll das türkisch-muslimische bleiben. Es zählt nicht das Individuum, sondern die durch “korrekte Individuen” gegründete “Gemeinschaft” (cemaat). Die Gesellschaft soll wie früher in “Kompartements”, Abteile, gegliedert werden. Das Kriterium ist die Religion: Muslime, Christen, Juden, Atheisten.
Der laizistische Nationalstaat hat nicht auf Religion geschaut, aber in der Praxis ging das alte System der Herrschaft der Muslime weiter. Er überwachte die Religion - die islamische in der Form des “Diyanet”-Systems; die anderen, vor allem Christen konnten ihre bestehenden Kirchen zwar behalten, aber nicht einmal unkontrolliert renovieren. In einem islamischen System hätten die Christen in ihrem Abteil wieder größere Freiräume - weshalb die Kirchen, vor allem das Orthodoxe Patriarchat anfangs gern mit der AKP zusammengearbeitet haben. In einem solchen Abteil-System ziehen vor allem die “Muslime” den Kürzeren, die nicht “islamisch” leben wollen, oder deren Interpretation des Islam eine andere ist. Auch Abweichler wie die Alewiten haben kein Interesse daran.
Das war auch der Grund, warum die Kurden die AKP unterstützten: Hier galt wieder das Prinzip “der Feind meines Feindes”. In der “islamischen Ummah” des Erdogan würden die Kurden vielleicht sogar wieder autonom.
Es erübrigt sich auszuführen, daß ein solches System einen “Rückschritt”, auf Türkisch (makabrerweise Arabisch) “irtica” bedeutet. Es ist dem Geist der Moderne, der Aufklärung, der Freiheit völlig konträr. Im 21. Jahrhundert können nicht mehr “Gemeinden” und “religiöse Gemeinschaften” die Grundeinheit der Gesellschaft sein, sondern nur Individuen.
Wie schafft man aber in der modernen Türkei des 21. Jahrhunderts wieder “eine islamische Gemeinschaft” à la Ottoman Empire? Läßt sich das Rad wieder zurückdrehen?
Nein!
So beschränkt sich heute der Fundamentalismus der AKP, zum Verdruß der wirklichen Radikalislamisten, nur noch auf zwei symbolische Bereiche: Alkohol und Frauen.
Alkohol und anderer Genuß soll verboten werden, und die Frau am liebsten zurück ins Haus, in den Harem. Denn AKPler verteidigen vielfach die Mehrehe des Mannes und andere traditionelle Familienregeln. Sie wissen zwar, daß auch viele junge Kopftuchträgerinnen das nicht mehr hinnehmen wollen, aber ihre Absicht ist ganz klar: Die Frau hat eine göttliche Bestimmung, als Ehefrau, Schwester und Mutter. Das ist ihre “fitra”, ihr Wesen nach der Schöpfung. Wetteifern mit dem Mann zerstört diese Ordnung und bringt großes Unheil. Deshalb kommt dem “Kopftuch” eine viel größere Bedeutung zu als daß sie nur als “eine freie Wahl der Frau” bezeichnet werden könnte.
Nicht zufällig diskutierten in den letzten Wochen islamistische Kreise der Türkei über Kopftuchträgerinnen, die in der Öffentlichkeit rauchen oder Zärtlichkeiten mit ihrem Partner austauschen. “Eine verhüllte Frau hat die Verpflichtung, ihrem Image gerecht zu werden”, hieß das Fazit der Debatte. Das Ideal der “muslimischen Frau” sollte in öffentlichem Diskurs bestätigt und jeder Abweichlerin klar gemacht werden.
Was symbolisiert “Alkohol”? Eine westlich-dekadante Lebensweise, die Umnebelung des Geistes, Exzesse, Unzucht, Abnormalie, die Abweichung vom Ideal, von der Norm. Deshalb versuchen die AKPler seit geraumer Zeit, Kneipen und Nachtklubs zumindest in Anatolien, fernab der europäischen Blicke, in außerstädtische “Rotlichtbezirke” auszulagern. Das entspricht der durch und durch patriarchalischen Kultur in den anatolischen Kleinstädten (nicht Dörfern!), wo “anständige Frauen” ihre Rollen bis zum bitteren Ende spielen müssen - und “unanständige Frauen”, zum Beispiel Artistinnen auf Tournee, Prostituierte oder Sängerinnen in bordellartigen Klubs außerhalb der Städte für das Vergnügen der Männer sorgen. AKPler behaupten zwar verbal, daß sich auch die Männer an die “islamischen Werte” halten müßten. Aber in der Praxis waltet das jahrhundertealte Patriarchat. Die Männer zeigen ihre Konformität durch Fasten, Moscheenbesuche, Armenspenden, Pilgerfahrten u.ä.
Diese konservative Welle koinzidiert mit dem rapiden sozialen Wandel in der Türkei: Das Land ist westlichen, europäischen Einflüssen so ausgesetzt wie nie, es entstand eine breite städtisch-moderne Schicht, die frei und selbstbestimmt lebt. Da der Modernisierungsdruck bis in den kleinsten Winkel des Landes durchsickert, häufen sich “Ehrenmorde” und andere Gewalttaten. Die meisten geschehen in kurdischen Großfamilien. Denn zuletzt verändert sich, wie in Deutschland das “katholische Mädchen vom Lande”, die Kurdin in Anatolien, und beginnt jetzt erst ihre Rechte zu verlangen. Das ist kein spezifisch “türkisches” oder “kurdisches” Kulturproblem, sondern eine Folge der verspäteten Modernisierung, der die patriarchalen Kräfte Widerstand leisten. Da die AKP mit ihrer Weltsicht und Praxis diese patriarchalen Kräfte unterstützt, kann sie Ehrenmorde niemals effektiv bekämpfen.
Bald weiter mit FAQ Türkei.
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