![]() | TAZ-Blog von Dilek Zaptçýoðlu: Istanbulblog vom 05.08.2006: Invasion der Body Snatchers In diesen Tagen erzählen uns manche, mal schrill und mal auf die aufgeklärt-besonnene Art, daß wir von den Arabern betrogen werden. Siehe die Fotos, die heute in der Bildzeitung abgedruckt sind: Auf einem der Bilder von 1996 hält ein Mann ein totes Baby hoch, das er aus einer Ruine herausbrachte. Auf dem zweiten scheint es […] Mehr…» |
Invasion der Body Snatchers
In diesen Tagen erzählen uns manche, mal schrill und mal auf die aufgeklärt-besonnene Art, daß wir von den Arabern betrogen werden. Siehe die Fotos, die heute in der Bildzeitung abgedruckt sind: Auf einem der Bilder von 1996 hält ein Mann ein totes Baby hoch, das er aus einer Ruine herausbrachte. Auf dem zweiten scheint es derselbe Mann zu sein, der jetzt, also 2006 wieder ein totes Kind in den Armen hält, diesmal ein deutlich älteres. Dieser Mann begegnet uns im Abstand von 10 Jahren in derselben Inszenierung, um uns zu täuschen und zu betrügen, wo wir uns doch gerade an seine Seite geschlagen hatten. Innerlich, natürlich, mehr können wir ja nicht machen. Wir, die fernen Zuschauer dieses schrecklichen und widerlichen Krieges, wir, denen alle Hände gebunden sind und die nur zuschauen können, wie die Verrückten sich wieder einmal die Köpfe einschlagen, wir die Unbeteiligten, die Unschuldigen.
Unschuld muß verdient sein - sagen wir, und zeigen mit dem Finger auf den listigen Orientalen. Er, der mutmaßliche Terrorist und Gotteskrieger trägt heute eine Nickelbrille und hat sich den Bart abrasiert. Sieht aus wie ein Harvard-Dozent der Orientalistik, der zufällig in die Wirren des Krieges hineingeraten ist, als er seine Feldstudien im Libanon fortsetzen wollte. Schon damit, dass er von den anderen Hisbullah-Kämpfern, alles finstere, bärtige Gestalten, so abweicht, will er uns täuschen. Augenblick mal – könnte es sich auf diesem Foto, das nur zu unserer Täuschung von der Hisbullah verbreitet wird, auch um dasselbe Kind handeln? Könnte das Baby, dessen Kopf wegen zu grausamen Wunden durch die Bildzeitung zensiert wurde, heute dieses etwa zehnjährige Kind auf dem Arm desselben Arabers sein? Ist es etwa nicht gestorben und stellt sich heute vor unseren Augen zum zweiten Mal tot ?
Sie finden diese Idee ziemlich makaber, oder? Warum? Weil Sie, ich, wir alle wissen, dass diese Kinder im Libanon wirklich sterben? Daß dieses Kind wirklich tot ist. Daß die israelische Luftwaffe den Libanon wirklich bombardiert und dabei wirklich nicht genau darauf achtet, wen sie dort trifft. Weil alle unparteiischen Beobachter, Hilfsorganisationen, die Uno, alle wissen, dass in diesem „Juli-Krieg“ hunderte von Kindern getötet worden sind.
Was ist makaber: Zu sagen, dass das Kind nicht tot ist, oder zu sagen, dass die Araber ihre an einem natürlichen Tod gestorbenen Kinder absichtlich und schlau in von Israel zerbombte Ruinen legen, um sie anschließend herauszutragen und uns vor die Nase halten?! Nichts anderes sagt doch heute die Bildzeitung. „Leichenstarre“ hätte das Kind schon im Körperchen, deshalb könne es gar nicht vor kurzem gestorben sein. Die einzige logische Konsequenz dieser vorbildlichen journalistischen Recherche wäre zu behaupten, dass im Libanon überhaupt keine Kinder unter israelischen Bomben sterben. Der Krieg als Täuschung, wie auch unser ganzes Leben, eine Simulation, wir, die Simulacres, die wandelnden Nichtexistenzen, Nichtlebenden, Nichtsterbenden, wir, die Gefühllosen, die ihre Zeit damit verbringen, über die Leichenstarre eines kindlichen Körpers nachzudenken.
Der Libanon, seit über zwei Wochen unter dem Bombardement der israelischen Luftwaffe ächzend, hat fast 1000 (ein Tausend) reale Opfer zu beklagen, die meisten sind „Zivilisten“, das heißt Menschen wie du und ich. Ihre Bilder sehen wir seit Tagen, ihre Gräber, ihre kleinen in weiße Tücher gehüllten Leichen. Ein Land wird kaputt gebombt, mit seiner Infrastruktur, mit seinen Brücken, Straßen, Weizenfeldern, Zederbäumen, Stränden und Zitronenhainen. Hunderttausende sind auf der Flucht. Auf der anderen Seite schleudert die Hisbullah eine Rakete nach der anderen ins israelische Gebiet. Wir schauen diesem Wahnsinn, diesem höchst primitiven Akt der „Konfliktlösung“ still zu, wie wir auch dem Irak-Angriff der USA innerlich protestierend aber doch still zugeschaut haben. Wir haben auch nichts gesagt, als dort der Bürgerkrieg ausbrach. Wir sagten nichts dazu, als sich die US-Regierung des irakischen Öls bemächtigte, als Lohn für ihre gelungene Rettungsaktion der Iraker vor ihrem Diktator. Wir haben natürlich nichts, aber gar nichts mehr dazu zu sagen, dass in Bagdad und Arbil und Basra jeden Tag Dutzende von Menschen in einem blutigen Bürgerkrieg sterben. Das ist sogar für uns Journalisten, für unsere Nachrichtenredaktionen nur noch langweilig.
Was ist makaber?!
Unsere Firmen (deutsche, türkische, italienische…) gehen in den Irak und machen dort Geschäfte. Von ihren Steuern werden unsere Kindergärten, Straßen, Sozialhilfen finanziert. Unsere Geheimdienste sind in Operationen verwickelt, von denen wir nichts wissen. Sie tragen dazu bei, dass der Krieg „nicht zu uns“ kommt. Unsere Länder beherbergen amerikanische Militärstützpunkte, von deren Innenleben wir keine Ahnung haben. Flugzeuge landen, fliegen wieder ab, tragen Militärgut hin und her, starten Bombardements, aber das alles ist außer unserer Reichweite. Auf Zypern, auf der griechischen Seite, also auf EU-Gebiet stellt die US-Armee Hunderte von Militärzelten für die Tausenden von Soldaten auf, die sie in den letzten Wochen dorthin zu einem britischen Stützpunkt geflogen hat – wissen wir, warum sich die Briten und Amerikaner auf Zypern im Moment so massiv stationieren?
Wir halten uns für vollendet, klug und zivilisiert, obwohl wir immer noch ganz primitiv daran glauben, dass es nur gute und nur schlechte Menschen gibt, und nach der völligen Unschuld Ausschau halten. Was macht uns aber mehr zu Menschen als unser ständiger Sisyphuskampf gegen das “Böse” in uns selbst? Wir, die nicht einmal einen Schmetterling töten können, sind heute unfreiwillige Zeitgenossen und Zeugen von immer schrecklicher ausgetragenen Kriegen. Ich will keine Experten mehr hören, keine klugen Kommentare mehr lesen, keine makabren Texte mehr. Als Schriftstellerin will ich nicht in die Lage kommen, “gute Texte” über tote Kinder zu schreiben. Wenn wir nicht zu Barbaren mutieren wollen, die zwischen Kriegsbildern, Modenschauen, neuesten Videoklips und dem Wetterbericht ruhig hin und herschalten können, müssen wir etwas Hörbares sagen. Sonst sind wir keine Menschen mehr, sondern erliegen der Invasion der Body Snatchers, die unsere Seelen vielleicht schon zum größten Teil aufgefressen und ersetzt haben.
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