![]() | TAZ-Blog von Dilek Zaptçıoğlu: Istanbulblog vom 29.04.2007: Istanbul auf den Beinen! Das Volk marschiert gegen Fundamentalismus und eine Deutsche ist auch dabei “Herbei gekarrte Einheiten” nannte Ministerpräsident Tayyip Erdogan vor zwei Wochen die Hunderttausenden, die in Ankara gegen die Regierung auf die Straße gingen. Dort gab es auf der Bühne Reden, mit denen man sich nicht leicht identifizieren konnte. Diesmal solle es ganz anders kommen. Denn, und da bin ich Lokalpatriotin, das ist schließlich Istanbul. [....] Mehr…» |
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Istanbul auf den Beinen! “Herbei gekarrte Einheiten” nannte Ministerpräsident Tayyip Erdogan vor zwei Wochen die Hunderttausenden, die in Ankara gegen die Regierung auf die Straße gingen. Dort gab es auf der Bühne Reden, mit denen man sich nicht leicht identifizieren konnte. Diesmal solle es ganz anders kommen. Denn, und da bin ich Lokalpatriotin, das ist schließlich Istanbul. ![]() fotos: dilek zaptcioglu Und Istanbul ist heute auf den Beinen! Bei einem strahlenden Wetter sind zwei Millionen, vielleicht mehr, zu dem Caglayan-Platz im europäischen Stadtteil Sisli gelaufen. Etwas vorneweg. Es hat mich nämlich beeindruckt und bestätigt. Wir standen am Rand und redeten miteinander. Plötzlich sagte eine weibliche Stimme in meinem Ohr: “Schlechte Organisation, gell”. Ich sagte, “Ja”. Dann wurde mir erst bewußt, daß sie mich auf Deutsch angesprochen hatte. Eine Deutsche mit türkischem Fähnchen an der Brust und einem rotweißen Band um den Kopf, in Begleitung anderer, türkischer Frauen. Sie war mit einem Türken verheiratet, lebte in Istanbul und war auf die Demo gekommen, weil sie mit protestieren wollte. Es ist die allergrößte Demo aller Zeiten. Die Demo ist so groß, daß die Marschkolonnen fast die gesamte Stadtmitte besetzen. Ich mußte nach Hause, und lief mit Anderen durch Seitenstraßen zum Ali Sami Yen Stadion, und während wir gingen, kamen dreimal so viele Menschen noch hinzu. Es herrscht eine Feststimmung. ![]() Ich war dabei und machte Fotos. Sah viele, sehr viele Frauen und sehr viele junge Leute. Die Menschen waren am meisten paarweise gekommen und hatten alle Fahnen in der Hand. Zuhause angekommen lief die Demo auf allen Kanälen live. So konnte ich auch die Reden zum Teil hören - sonst wäre ich zu weit davon entfernt gewesen. Auf der Bühne sagte die Organisatorin TÜRKAN SAYLAN “Wir sind eine zivile Bewegung und sprechen uns gegen zwei Dinge aus: Gegen die Seriat (Schariah) und gegen Darbe (einen Militärcoup), denn wir haben Putsche miterlebt und wissen sehr gut, wieviel Leid sie über das Land gebracht haben und daß sie keine Lösung politischer und sozialer Probleme sind.” Dann kam die ziemlich bornierte Nur Serter auf die Bühne, redete sich in Fahrt und sagte zum Schluß zur Freude der Islamisten (denn diese wollen die Massen unbedingt als “Putschisten” entlarven und die Proteste gegen sich diskreditieren): “Es lebe unsere Armee”. Aber das “kleine Detail”, das die Islamisten unbedingt erkennen müssen ist: Die Bühne hörten nur eine Handvoll Leute und die Millionen da auf der Straße waren gerade deshalb dahin gekommen, weil sie ein ziviles Signal setzen und DABEI SEIN wollten, wenn friedlich und leise demonstriert wird, denn gerade diese liberalen, modernen Menschen wollen niemals, daß ihr Land und ihr Name mit einem Putsch à la Dritte Welt in einem Atemzug genannt wird. Gab es keine Putsch-Anhänger dort? Bestimmt. Aber wer diese Millionen von ISTANBULERN ALLE als Putschisten bezeichnen will, und sich wieder einmal als demokratisches Opferlamm präsentieren, wird absolut falsch liegen. “Die Türkei ist laizistisch und wird es bleiben”, “Regierung zurücktreten”, und ”Die Türkei ist erwacht, der Imam fiel in Ohnmacht” waren die meist gehörten Slogans. Die Demonstranten riefen die Oppositionsparteien dazu auf, sich zu vereinigen. “Gegen die Schariah, gegen einen Militärputsch.” Istanbul marschiert und feiert ihre eigene Kraft. |
![]() | TAZ-Blog von Dilek Zaptçıoğlu: Istanbulblog vom 30.04.2007: Der Tag danach, Schlagzeilen Notizen vom Tag danach: * Die Presse ist baff, konnte doch keiner dieser hocbezahlten Kolumnisten annähernd ahnen, wieviele Menschen nach Ankara jetzt auch in Istanbul auf die Straße gehen. In diesem Kontext eine kleine Bemerkung: In der Türkei heißen Kolumnisten “Journalisten” und als Reporter, also eigentliche Journalisten, beschäftigt man junge, miserabel bezahlte Jungs & Mädchen. Unter den politischen Kolumnisten sind nur ein paar Frauen. Die Frauen, die eine “Ecke” haben dürfen, schreiben meistens Lifestyle, Klatsch & Tratsch usw.[....] Mehr…» |
![]() | TAZ-Blog von Dilek Zaptçıoğlu: Istanbulblog vom 27.04.2007: Die Armee stellt der AKP ein Ultimatum Die Armeeführung hat in der Türkei heute nacht, 23.30 Uhr örtliche Zeit, der Regierung ein Ultimatum gestellt. Sie ist mit dem Präsidentschaftskandidaten Abdullah Gül nicht einverstanden und droht, noch “offener und deutlicher” zu agieren. Ankara steht unter Schock und wird nicht mehr schlafen können. Der konservative Meinungsmacher Taha Akyol sagt gerade im Fernsehen, daß die Regierung jetzt die Spannung senken und die Präsidentschaftswahlen canceln, statt dessen Neuwahlen ausrufen sollte. [....] Mehr…» |
![]() | Info Radio - Dilek Zaptçıoğlu - Interview zum Tagesthema am 30.04.2007: Steht die Türkei vor einem Putsch? In der Türkei hat das Militär eine sehr starke Stellung - das ist jetzt mal wieder deutlich geworden. Die Armeeführung ist gegen eine Wahl des jetzigen Außenministers Gül zum Staatspräsidenten. Der Grund: Gül gehört zur islamistisch geprägten Regierungspartei AKP, die bereits den Ministerpräsidenten Erdogan stellt. Zu viel religiöser Einfluss in einem Land mit weltlicher Verfassung, fürchten die Generäle. Bisher gibt es nur eine Stellungnahme, aber das reicht schon, um die Türkei in eine Staatskrise zu stürzen. Dilek Zaptcioglu, Journalistin und Schriftstellerin, im Gespräch mit Max Oppel. [....] Mehr…» |
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