Istanbul, heute abend

Ausnahmsweise kein Kulturkrieg, nein, keine Politik, denn es ist heute in Istanbul ein wahnsinnig schöner Sommertag. Wir versinken nicht, wie allgemein vermutet, in einer heißen Wüste und weinen unseren dahinsiechenden Kamelen nach. In den vergangenen Wochen hatten wir es sogar kühler als bei euch. Unsere “Mitbürger”, die anatolischen Zuwanderer sind alle in ihre Heimatdörfer gefahren. Die Istanbuler High-Society liegt tagsüber in den Beach Clubs in Bodrum und füllt nächtens die Diskos der Süd- und Westküste. Unsere Eltern sind in ihren Sommerhäusern und erwarten keinen Besuch, unsere Politiker lassen uns weitgehend in Ruhe. Die Schlagzeilen werden von Auslandsnachrichten beherrscht. Die Touristen bleiben aus rätselhaften Gründen aus, oder machen sich unsichtbar. Istanbul hat von ihren 12 Millionen Einwohnern mindestens 8 Millionen verloren – was für eine Freude. Geschrumpft auf die Größe eines München (?) wird die Stadt richtig lebenswert. Eine leichte Brise frischt die Luft vom Meer her auf. Abends wurde es bis vor wenigen Tagen so kühl, dass man sich ein Jäckchen überziehen musste. Seitdem die große Hitzewelle aus Deutschland (!) auch uns erreicht hat und unsere Wetterkarte genau solche blutroten Flecken wie im ZDF/Heute-Journal anzeigt, haben wir uns aus- und wieder halb angezogen. Jetzt warten wir auf den Vollmond, um die Mondscheinfahrt der städtischen Fährgesellschaft zu buchen: Abfahrt in Eminönü unterhalb des Topkapi-Palastes, Endstation kurz vor der Schwarzmeereinfahrt. Dort zwei Stunden Pause mit Fisch & Raki, dann die gesamte Bosporus-Strecke zurück. Nur Samstags. Das hat noch Zeit (an dieser Stelle doch eine politische Bemerkung: Die “moderat islamistische” Erdogan-Regierung hat Alkohol so hohe Steuern auferlegt, so daß eine große Flasche Raki über 10 Euro kostet, schwedische Verhältnisse am Bosporus, nur kann hier niemand zu hause Schnaps brennen!).

Heute abend gibt es hier ein großartiges Konzert. Die griechische Sängerin Haris Alexiou tritt im Open-Air-Theater in Harbiye, neben dem Hilton-Hotel auf. Ein Geheimtipp sind die billigsten Plätze ganz oben links. Von dort aus hat man nämlich auch einen Überblick über dem Bosporus. Man sieht zwar die Bühne nur aus der Vogelperspektive, aber mit einem kleinen Fernglas, das man sich vorher in Karaköy hinter dem Zoll bei den russischen Straßenverkäufern besorgt hat, kann man einen Blick auf die Musiker werfen. Alexiou ist hier sehr, sehr beliebt. Man versteht sie, auch wenn man kein Griechisch kann. Sie spricht dieselbe Sprache. Und kommt gern hierher. Der Applaus, den sie in ihrem alten Constantinople bekommt, rührt sie, uns, alle zu Tränen. Scharenweise liegen ihr die türkischen Kolumnisten und Musikkritiker zu Füßen. Die Diva ist wirklich sophisticated, eine Grand Dame in bester levantinischer Tradition, eine Mittelmeerfrau, sagen die Männer. „Gib mir eine Nacht, so dass ich dir meine Seele geben kann“, antwortet sie, „zeig mir eine Straße, auf der ich mit meinen Leidenschaften gehen kann – and if you want to leave / I´ll be the road to take you“ – so liegen wir uns in der Hitze alle in den Armen und weinen irgendeiner vergangenen großen Liebe nach. Nein: keiner konkreten mit Namen, Gesicht, und Erinnerungen, sondern der großen Liebe schechthin, in ihrer übermenschlich und -sinnlichen, völlig und schmerzlich abstrakten Form. Wem das zu kitschig ist, sollte keine Alexiou hören. Das eigentliche Problem: bestimmte türkische / griechische / italienische….Lyrics klingen ins Deutsche übersetzt unglaublich dumm und kitschig. In der Originalsprache lassen sie einen in der heißen Julinacht zerfließen. Das ist leider nicht nur ein Sprachproblem….Wer die Dosis steigern will, fliegt morgen direkt nach Bodrum, denn am 29. Juli ist Haris Alexiou im Antiken Theater von Halikarnassos zu hören und zu sehen. Mein Gott, schon beim Schreiben bekommt man eine Gänsehaut.


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