![]() | TAZ-Blog von Dilek Zaptçýoðlu: Istanbulblog vom 20.08.2006: Syriana - schon mal gesehen? Istanbul ist eine gelungene Synthese aus Ost & West. Der Beweis dafür, dass beide zusammenkommen. Während die Beziehung im Westen seit 15 Jahren totgeredet wurde, wird sie hier gelebt. Istanbuler gehen, wie heute mittag, zum Brunch in den Garten des SSM-Museums, wo gerade eine große Rodin-Ausstellung läuft und hören live Jazz, und abends lauschen sie still den Gebeten aus der benachbarten Moschee – denn heute abend ist … [....] Mehr…» |
Syriana - schon mal gesehen?
Istanbul ist eine gelungene Synthese aus Ost & West. Der Beweis dafür, dass beide zusammenkommen. Während die Beziehung im Westen seit 15 Jahren totgeredet wurde, wird sie hier gelebt. Istanbuler gehen, wie heute mittag, zum Brunch in den Garten des SSM-Museums, wo gerade eine große Rodin-Ausstellung läuft und hören live Jazz, und abends lauschen sie still den Gebeten aus der benachbarten Moschee – denn heute abend ist einer der heiligsten Nächte des Islam, die Himmelfahrt des Propheten Mohammed, wenn Sie das überhaupt noch hören wollen. Hier wuchs man mit Rolling Stones, Ajda Pekkan, Pink Floyd, Orhan Gencebay, Genesis, Zeki Müren und Tina Turner auf – es ging mühelos. In Istanbul kann man an einem Tag der Oma die Hand küssen, im Net chatten, Sex & the City oder Desperate Housewives gucken, zur Beschneidung des Neffen gehen, im Bosporus angeln und in der Disko toben. Das alles ist, verdammt möchte man sagen, nichts Besonderes, sondern nur unser ganz normales globales Leben.
Wessen Leben? Natürlich unser privilegiertes. Das Leben der globalen, kosmopolitischen Gemeinde. Wenn man genug Geld in der Tasche hat, die nötige Bildung genoss, durch die Welt reisen kann und einen relativ sicheren Job hat, ist es völlig egal, als was man geboren wird. Da wird plötzlich alles Andersartige zur Bereicherung. Man kann mit jedem kommunizieren, Hauptsache, er achtet einen. Das war schon immer so. Man erkennt sich, ja, es geht einem gut.
Das Problem ist nur, dass es vielen nicht gut geht, dass die Welt „nicht enough“ ist, und die Menschheit heute ihre Verteilungskämpfe in religiösen Begriffen austrägt. Der Westen sagt: Ihr Muslime! Und hier stehen viele Gewehr bei Fuß auf: Ja, wir Muslime! Man hat sich angesprochen zu fühlen. Wie lächerlich und fatal!
Zum Überdruß gehört und gelesen, nicht wahr: Das begann mit dem Einmarsch der UdSSR in Afghanistan und dem US-Projekt des „grünen Gürtels“ um das Imperium des Bösen. Bis dahin waren die Islamisten in ihren Ländern ein Haufen Ewiggestriger, die den Lauf der Geschichte aufzuhalten und die Frau wieder im Haus einsperren versuchten. Lächerliche Mullahs. Dann kam Iran, Afghanistan, der Djihad. Die ungleiche Globalisierung und der Niedergang der linken Theorie & Praxis ließen zeitgleich einen großen Bedarf an Erklärungsmustern bei den jungen Geächteten und Armen entstehen. Der Ölreichtum der Wahhabis wurde allen Muslimen zum Verhängnis: Siehe Syriana!
Syriana-Poster.jpg Man wird nicht als Islamist geboren, man wird dazu gemacht. Manchmal aus “nachvollziehbaren” Gründen. Wenn man westlichen Medien glaubt, haben die Täter eigentlich kein Gesicht, keinen Namen, keine Geschichte. Sie heißen Ali, Mohamed, Salah undsoweiter. Sind Pizzabäcker, Studenten, Postbeamte. Die Beliebigkeit der Alis und Waheeds und Mohameds ist ein Teil der Wahrnehmung der Täter als “Muslime”, und zwar als irgendwelche Muslime, gesichtslose Angehörigen einer bedrohlichen, primitiven Masse. Ihre Namen werden in x verschiedenen Varianten geschrieben. Es ist sogar schwer, nach ihnen zu googeln. Dabei gibt es Netzwerke, Sekten, bestimmte Moscheen und Kulturzentren, Schulen …. in denen die islamistischen Strukturen hausen. Bitte die Geheimdienste ans Werk!
Man wird zwar zum Islamisten gemacht, aber auch dann gehört schon einiges mehr dazu, zum Terroristen zu werden. Nicht alle 68er gingen zur RAF. Bomben legen ist auch etwas anderes als sich selbst zu töten. Daß der Islam das begünstige, wegen der Huris im Paradies undsoweiter - ein großer Unsinn. Meinen Sie, “Muslime” haben keine Angst vor dem Tod? Im spanischen Bürgerkrieg gab es Todesmutige, ganz zu schweigen von japanische Kamikaze-Fliegern im WK II oder Bruce Willis, der durch seinen Todeseinsatz die Erde vor dem Riesenmeteoren rettet. Man kann ganz unterschiedliche Gründe dafür haben, in den Tod zu gehen, wie Benjamin aus Verzweiflung etwa, oder weil man unheilbar krank ist, aber man MUSS einen Grund haben. Wieviel Prozent der “Muslime” sind, meinen Sie, dazu bereit?! Und: Welche Mittel hat ein durchschnittlicher Türke oder Libanese, diese zu kennen und von ihrem Plan abzubringen?! Es wird immer schwerer, für eine differenzierte Sichtweise der Ereignisse zu plädieren. Die Menschen werden hier, salopp gesagt, immer abgegessener, was Bush, Blair, Merkel oder Chirac angeht. Sie haben Angst vor ihnen. Und lieben trotzdem Paris, London, New York. Man wünscht das alles zum Teufel und will nur eine bessere Zukunft.Die Mehrheit der Türken sowohl hier als auch in Deutschland oder anderswo in Europa glauben, dass der der Westen seinen Raubzug in antiislamischen Hasstiraden kaschiert. Von hier aus gesehen haben alle Menschen im Westen etwas davon: Der Penner im Stadtpark, der Alki am Kotti, die Armen und Reichen, die Frauen und Männer, ja auch die Kinder im Westen. Alle profitieren von dem Krieg Amerikas und gutheißen ihn mehr oder weniger. Das ist die erschreckend verkürzte Sicht vieler Ostler auf die Dinge. Könnte etwas Wahres daran sein, und rechtfertigt das den Terror? Ich denke, ja, da ist etwas Wahres daran, und nein, das rechtfertigt natürlich keinen Terrorakt.
Ich sehe in Berlin und Istanbul dasselbe: Menschen, die besser leben wollen, die sich eine bessere Zukunft für ihre Kinder wünschen, die mit Krieg & Terror “nichts am Hut” haben, und sich vor dem Tod und Untergang fürchten. Menschen, die einfach und glücklich leben und die irdischen Segen genießen wollen!
Wie arrogant ist es, auf sie herabzuschauen! Wer dem Leben eines Schwarzafrikaners, Libanesen oder Arabers weniger Wert beimißt als dem Leben eines Europäers, Amerikaners oder Israelis, lädt den Terror geradezu ein. Ich glaube, Günter Grass hatte nach 9/11 etwas ähnliches gesagt. Und bitte keine rassistischen und pauschal islamfeindlichen Kommentare mehr, die ich löschen muß.








