Taz 02.08.2006 - Dilek Zaptçýoðlu - Wieviele Beine hat eine “Mossad-Zecke”?

Türken wird, wie den Deutschen auch, Autoritätsgläubigkeit nachgesagt. Zugleich und vielleicht auch deshalb gibt es kaum ein Land, in dem Autoritäten so durch den Kakao gezogen werden wie hier. Gewählte Regierungen sind am meisten davon betroffen. Militärisch oder zivil, Bau- oder Agrarminister, Imam oder Hausfrau – jede und jeder kriegt sein Fett ab. Auf jeden Fall absolut befreiend und witzig! Bühne der satirischen Performance sind auch Tageszeitungen. Der für mich witzigste Zeichner ist im Moment Latif Demirci, dessen Karikaturen täglich die erste Seite des Massenblattes „Hürriyet“ bereichern. Latif schaut tief in die Seele des „gemeinen Türken“. Leider kann man viele seiner Witze nicht ins Deutsche übersetzen (für uns ostwestliche Menschen schwer erträglich). Traditionell ließ sich die linksliberale „Cumhuriyet“ mit politischer Satire auf ihrem Frontblatt schmücken. Ihre Cartoons sind auch eine Institution: Behic Ak zum Beispiel, oder Kamil Masaraci haben einen ungemein subtilen Witz, der eher übersetzbar ist. Die ultimative türkische Satirezeitung war in den 1980ern „Girgir“, die eine sagenhafte Auflage hatte und millionenfach gelesen wurde. Wer kann “Avanak Avni”, das altkluge, herzensgute Kind Oguz Arals vergessen, das überall gegen Ungerechtigkeit kämpfte? Zuletzt erschien er auf dem T-Shirt einer französischen Schülerin in Paris. Es gibt schwarze Avnis in Afrika, trotzkistische in Amerika und antirassistische in Deutschland.

Für den, der es versteht. Der jetzige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gehört nicht dazu. Er versteht offenbar absolut keinen Witz. Und klagt gegen fast jeden Karikaturisten, der ihn in seinen Zeichnungen verewigt. Damit verhilft Erdogan selbst der Anti-Erdogan-Satire zu einer ungemein großen Popularität, aber auch das versteht er nicht und glaubt, dass er mit einem gewonnenen Gerichtsverfahren auch als der wahre Sieger da stünde. Dass das ein Kampf ist, den er nie, aber wirklich nie gewinnen kann, versteht er nicht. Dabei hat sogar Bush den Wert der Selbstironie kapiert und macht andauernd über sich selbst Witze, um Intelligenz vozutäuschen.

Es fing mit der Zecke an, ich meine diese berühmt-berüchtigte Krim-Kongo-Zecke, die in der Türkei auf dem Land wütet und schon mehrere Menschenleben gekostet hat (zu Türkisch: Kene). Wissenschaftler grübeln über ihre Ursprünge. Haben zum Bespiel die Massaker an den Hühnern wegen der Vogelgrippe das Öko-Gleichgewicht zerstört? Zecken gab´s schon immer, aber ihr Biß war nie tödlich. Dieser achtbeinige Zeitgenosse aber beißt sich fest und infiziert seine Opfer mit einem speziellen Virus, der zu der besagten Krim-Kongo-Krankheit mit hohem Fieber und absolut tödlichem Ausgang führt – der Name kommt also daher, dass die Zecke vorher schon auf der Krim und in Kongo auftauchte. Unser („moderat islamistischer“) Gesundheitsminister machte sich schon mit der Empfehlung komisch, dass man zum Beispiel beim Picknick als beste Zecken-Abwehrmethode „angezogen bleiben und seine Hosenbeine in die Socken stecken“ solle – auch bei 40 Grad am Meer. Die Zecken sind übrigens gut sichtbar, zwischen 5 mm und 3 cm groß und stecken ihren Kopf unter die Haut, während ihr Hinterteil herausguckt. Man soll sie auf keinen Fall gewaltsam abmachen, weil sie dann in Panik geraten und ihr Gift absprühen. Nur der Fachmann, ein Arzt, solle sie abmachen.

Gar nicht so witzig war der Vorstoß eines islamistischen Politikers aus der Schwarzmeerecke: In Bolu, wo er lebt, seien in diesem Jahr „auffällig viele weibliche israelische Touristinnen“ beim Zelten. Das ist natürlich verdächtig. Ihre Morgengymnastik sieht wie Survivaltrainig aus. Warum kommen sie? - hat der unbescholtene Mann nachgedacht. Die Frauen kämen in Gruppen, ohne Männer, und seien auch gar nicht so alt. Gleichzeitig taucht in der Region die gemeingefährliche Zecke auf. Die Zecken-Ursprungstheorie des Fundi: Israelische Agentinnen haben die Krim-Kongo(-Mossad)-Zecke importiert, um uns fertigzumachen. Als Beweis trat er auf seiner Pressekonferenz mit einer Bildtafel auf und zeigte: Hier links, die harmlose, einheimische, sechsbeinige Zecke. Sie ist völlig unschuldig. Rechts die neue, achtbeinige, feindliche Mossad-Zecke! Zionistisch! Und nicht nur bildlich (wie Juden in Deutschland verunglimpft wurden, als „Zecken und Viren im Volkskörper), sondern leibhaftig, wie sie lebt und klebt! Am nächsten Tag versuchten Zeitungen den Fehler „auf wissenschaftlicher Ebene“ zu korrigieren: Ja aber, die Zecke hat immer zuerst sechs, und als ausgewachsenes Tier acht Beine, und zwar auch ohne Mossad, immer und biologisch bedingt. Wenn man so möchte: Der liebe Gott hat die Zecke so geschaffen.

Die zur Zeit populärste Istanbuler Satirezeitung „Leman“ (Titelzeile: „Ihre chronische Krankheit“) hat Anfang Juli den Witz umgedreht und das Coverbild gedruckt: Ministerpräsident Erdogan sitzt als dicke, fette Zecke auf dem Rücken eines unbescholtenen Bürgers und saugt ihm das Blut ab. Der so etwas von seinen Politikern eigentlich gewohnte und ohnehin lebensmüde aussehende Mann sagt: „Man soll das nicht gewaltsam abmachen, das sei nämlich noch gefährlicher“! - Ich bitte darum, den tiefsinnigen Witz in diesem Satz zu verstehen! Wenn Erdogan das begriffen hätte, hätte ihm das gefallen! - Und weiter sagt der Mann: „Ich werde ihn saugen lassen bis er nicht mehr will. Wenn er satt ist, fällt er vielleicht von selbst ab.“ Dafür fordert Erdogan vom armen Zeichner 25 Tausend Neue Lira sprich 13 Tausend Euro. Sein letztes Verfahren gegen dieselbe Zeitung hat er verloren.

Taz 02.08.2006 - Dilek Zaptçýoðlu - Wieviele Beine hat eine “Mossad-Zecke”?


31.07.2006 tarihinden beri bu sayfaya 130 kere eriþilmiþ olup ALiPedia.info sitesi toplam 3281193 kere ziyaret edilmiþtir.